Konferenz zu Arbeit: „Selber Machen“ 2017

Am kommenden Wochende, vom 28. bis 30. April 2017, findet im Bethanien in Berlin ein Kongreß zu linken Perspektiven auf Arbeit („Selber Machen„) statt. Darunter ist auch ein Panel, das sich mit feministischen Perspektiven und selbstorganisierter Frauen*praxis auseinndersetzt. Es ist zwar unangenehm, dass die Nebenwiderspruchsdebatte so viel Raum (auch in Ablehnung) in der Ankündigung bekommt (was anscheinend bedeutet, dass diese Mär noch sehr stark verhaftet ist), aber das Panel ist trotzdem sehr zu empfehlen. Los geht es am Samstag (29. April) um 12:30.

Feminismus, Frauen*selbstorganisierung und das Problem mit dem Nebenwiderspruch

Wir leben in einer sexistischen Welt. Trump, Putin, die AfD und der IS, sogenannte „besorgte BürgerInnen“, christliche FundamentalistInnen und selbsternannte „LebensschützerInnen“ – sie alle vertreten ein zutiefst sexistisches Weltbild. Doch auch Linke, Linksradikale und sich als emanzipatorisch verstehende Menschen sind nicht von Sexismus befreit. Während christliche FundamentalistInnen die körperliche Selbstbestimmungen von Frauen* ablehnen, wird Sexismus in der (zumindest deutschsprachigen) Linken oft als lästiger Nebenwiderspruch betrachtet, der sich mit dem Kampf gegen den Kapitalismus schon von alleine in Luft auflösen wird.

Wir wollen in diesem Workshop drüber diskutieren, wie eine, aus dem Nebenwiderspruch gelöste, feministische Praxis aussehen kann. Dabei möchten wir einen Blick auf die Vergangenheit von Frauen*selbstorganisierung werfen, uns der spezifischen Erfahrung geflüchteter Frauen* widmen, die Zukunft von Feminismus und Frauen*selbstorganisierung ausloten und vor allem eine feministische Perspektive auf Basisorganisierung und Gegenmacht entwickeln. Feminismus soll dabei nicht als „frauen*spezifische“ Thematik behandelt werden, sondern ist für uns vor allem eine Möglichkeit zur Veränderung der Gesellschaft, die uns alle betrifft.

Dazu haben wir Detlef Georgia Schulze und International Women‘s Space eingeladen, um gemeinsam mit uns über die Fragen zu diskutieren. International Women‘s Space entstand als Zusammenschluss von Frauen* in der ehemals besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule, die sich vor allem mit Rassismus, Sexismus und Intersektionalität befasst.  → u. a. mit: International Women’s Space, Detlef Georgia Schulz.

AS.ISM4 erschienen!

Nach fast sechs Jahren veröffentlicht das „Antisexismus Bündnis Berlin“ eine neue Broschüre, die sich mit zeitrelevanten Fragen auseinandersetzt.

AS.ISM4

Die Broschüre versammelt Texte von verschiedenen gesellschaftskritischen Gruppen aus Berlin. So haben u.a. die Emanzipative & Antifaschistische Gruppe [EAG], Andere Zustände Ermöglichen [AZE], Theorie, Kritik, Aktion [TKA], mehrere AGs der Interventionistischen Linken Berlin [IL] und Antifaschistischer Schwarz-Roter Aufbau [ASRA] an der Broschüre inhaltlich mitgewirkt.

Die 40 Seiten sind in einen Theorie-, Organisations- und Praxisteil untergliedert. Neben dem Thema der Zweigeschlechtlichkeit oder der Vereinnahmung von Frauenrechten durch rassitische Gruppen, ist auch das Thema (kritische) Männlichkeit vertreten. All diese Themen beziehen sich auf einen organisierten politischen Kontext und sind auch explizit auf diesen ausgerichtet. Das hindert aber nicht daran, dass die transportierten Inhalte sich auf weitere Bereiche des täglichen Lebens ausweiten lassen und damit für viele Menschen Denkanstöße geben.

Die Broschüre kann unter eag-berlin[at]riseup.net bestellt werden. Online gibt es sie hier.

Die Sprache ist leicht verständlich und damit niedrigschwellig und für viele lesbar – auch ohne Abi und Adorno-Studium. Leider haben sich allerdings einige kleine Fehler eingeschlichen, die das Lesen manchmal anstrengend machen. Das soll aber nicht über die lohnenswerte Inhalte hinwegtäuschen. „Lesen!“ ist daher die klare Empfehlung.

Konferenz der Lifestyle-Machos

Am 13. und 14. Mai findet in Berlin die Konferenz „Mann|Sein – Malevolution“ statt. Es ist eine jener typischen Veranstaltungen, bei der Männer sich untereinander ihres Mann-Seins vergewissern können. Aber bitte: alle(s) straight, no homo!

Konferenz „Mann|Sein – Malevolution“

Es ist schon erstaunlich, wie viel Geld Menschen manchal für irgendwelchen Quatsch in die Hand nehmen. Da lockt eine inhaltsleere, 2-tägige Veranstaltung und die Männer kommen und zahlen 119€ bis 447€. Die Teilnehmenden möchten über „Gesundheit & Fitness“, „Sexualität & Frauen“, „Selbstbewusstsein“ oder auch „Vaterthemen“ reden und informiert werden. Themen, die sozusagen jeden Mann bewegen. Zumindest wird der Anspruch erhoben, schließlich haben ja alle die gleichen Probleme:

Gesellschaftliche Erwartungen gibt es viele: Einerseits sollen Männer fürsorgliche Familienväter und zuverlässige Nestbauer sein. Andererseits auch ein wilder Freigeist, ein Verführungskünstler und ein Hengst im Bett. Ein tapferer Kämpfer, der keinen Schmerz kennt und trotzdem ein einfühlsamer Zuhörer und Partner.

Wer sagt das noch genau? Egal. Männer haben es schon nicht einfach. Da sollen sie verschiedene Anforderungen erfüllen, die sich doch eigentlich unvereinbar gegenüber stehen. Das bekommt niemand und vor allem kein Mann alleine hin. Also ist die Lösung, dass sie gemeinsam versuchen Wege zu finden aus dieser Misere herauszukommen.

Aber wie denn am besten? Sich konstruktiv und kritisch mit den Bildern und Selbstbildern von Männlichkeit zu befassen gehört sicherlich nicht dazu. Das Flirt- oder auch das Selbstbewußtseinstraining ist bestimmt der richtige Weg um sich in einer komplizierten und dynamischen Gesellschaft zurecht zu finden. Affirmation und Selbstoptimierung sind die Zauberwörter! Es geht nicht um gesellschaftliche Anliegen und Ungleichheiten. Der Einzelne, der mit einem guten Selbstwertgefühl und neu gefundenen Gleichgesinnten nach der Konferenz nach Hause geht – der ist das Ziel.

Für mehr Gemeinschaft. Für mehr Klarheit. Für mehr Fülle im Männerleben.

Die Anwesenden eint, dass sie das gleiche Verständnis von Geschlecht haben. Männer und Frauen sind unterschiedlich und vor allem Männer haben es schwer. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern ist natürlich und nicht aufhebbar. Mittlerweile sind die Zuweisungen durch die Modernisierung auf der kulturellen Ebene 

Warum die Konferenz….

Allein die Beschreibung macht einige Punkte der Kritik eigentlich banal. Geschlecht ist zwar immer noch eine umkämpfte soziale Kategorie im gesellschaftlichen Diskurs, sie aber mit Natürlichkeit und Binarität zu umschreiben ist schon ziemlich out-of-date.

Die Heteronormativität der Konferenz tut fast schon weh. Man bekommt das Gefühl, dass die Rettung vor der komplizierten Gesellschaft die Einfachheit des eigenen Denkens ist: Es gibt Mann und Frau, beide haben unterschiedliche Eigenschaften und beide gehören irgendwie zusammen. Das ist halt so. Irgendwie. Nach Erklärungen zu suchen ist vergebens.

Die gesellschaftliche Ordnung wird also gar nicht in Frage gestellt. Die eigene Angepaßtheit wird prinzipiell geleugnet. Schließlich müssen Lösungen angeboten und verkauft werden – auch wenn diese eigentlich keine Lösungen sind. Oder höchstens Lösungen für andere Fragen.

Und dass ist wohl ebenso Teil der Wahrheit, wie der inhärente Sexismus: Es geht ums verkaufen! Die vermeintliche Gemeinnützigkeit ist so intransparent wie die Wohltätigkeit eines Banküberfalls.

Bundesgerichtshof urteilt für das Wechselmodell

Vorgestern, am 27. Februar, urteilte der Bundesgerichtshof, dass das Wechselmodell nicht gegen geltendes Recht spricht – so lange es die Umstände zulassen. Väterrechtler klopfen sich dafür auf die Schulter. Von wichtiger Seite bleibt es hingegen Still.

Väterrechtler freuen sich über diesen Etappensieg: der Bundesgerichtshof hat in einem Fall entschieden, dass das Wechselmodell sowie auch das Residenzmodell (unter bestimmten Voraussetzungen) eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Kind sein kann. Zu den Voraussetzungen gehört das Kindeswohl und dass das Kind ein Mitspracherecht hat und dieses mehr Gewicht bekommt je älter das Kind wird. Außerdem greift das Wechselmodell nicht unbedingt in Fällen von Streit und unverhandelbaren Positionen der Elternteile.


Das Wechselmodell bedeutet für die Beteiligten, dass das Kind zu gleichen Teilen bei den getrennten Eltern aufwächst. Die einzelnen Regelungen können unterschiedlich aussehen. So kann wöchentlich gewechselt werden oder es gibt einen festen, regelmäßigen Rhythmus zwischen bestimmten Wochentagen.

Abgrenzend dazu lassen sich etwas das Nestmodell oder das Residenzmodell ausmachen. Letzteres ist in Deutschland geläufig und meint, dass der Lebensmittelpunkt des Kindes bei einem Elternteil liegt. Das Nestmodell bedeutet, dass das Kind einen festen Lebensmittelpunkt hat und die getrennten Eltern wechselseitig in dieser dritte Wohnung leben.


Das Wechselmodell ist darauf angewiesen, dass die getrennt lebenden Eltern miteinander kommunizieren und Bedürfnisse und Pläne aushandeln können. Gerade bei strittigen Ex-Paaren hilft das neu ins Spiel gebrachte Modell allerdings kaum etwas. Schließlich ist es zu einem hohen Maße an die Kooperation der beteiligten Ex-Partner_innen gebunden.

Diese Neuausrichtung der Frage, was mit dem Kind nach der Trennung der Eltern passiert, bedeutet die Möglichkeit, dass es zu gleichen Teilen bei Mutter und Vater (sic!) wohnen und leben kann. Eigentlich ging das schon lange. Offiziell ist es erst jetzt möglich. Eine Woche hier, eine Woche da. Ein paar Tage hier, ein paar Tage da. Dabei sollte auf Regelmäßigkeit der Wechsel geachtet werden, um den Stress zu minimieren. Durch das Wechselmodell soll sichergestellt werden, dass die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind erhalten bleibt. Zudem soll dadurch die Selbstbestimmung des Kindes gestärkt werden.

In der Berichterstattung geht häufig die enorme materielle Belastung unter, die das Wechselmodell mit sich bringt. Immerhin bedeutet es mindestens 2 Kinderzimmer. Jeder Elternteil muss dafür Sorge tragen, dass das Kind bei ihm unterkommt. Die andere Zeit, während das Kind bei dem anderen Elternteil ist, bleibt das Zimmer leer. Auch Bett, Bettwäsche, Spielsachen, usw. müssen annähernd doppelt vorhanden. Das können sich viele nicht leisten und ob staatliche Hilfsleistungen dafür vorhanden sind und auch ausgezahlt werden? Keine_r weiß es! Tendenz: eher nicht.

Interessant an dem Urteil und in der Berichterstattung darüber ist, dass Eltern nur als Mutter-Vater-Konstellation Eingang in die Diskussion finden. Trans* oder homosexuelle Paare bleiben ausgespart. Das ist auch insofern interessant, als die freudigen Erregungen der Väterrechtler und die Gegenreaktionen keinerlei Bezugnahme hierauf enthielten. Diese Thematisierung findet einfach nicht statt. Die gesamte Diskussion steckt in der heteronormativen Falle. Auf einschlägigen queeren Seiten und Informationsportalen ist wenig bis gar nichts zu dem Urteilsspruch zu finden. Das ist sehr schade, da es hier eine Menge Potential gibt, in der Öffentlichkeit queer-feministische Positionen zu beziehen.

 

 

Klassismus und „Neue Väter“

Die Frage nach dem „Wo“ der „Neuen Väter“ wurde auf diesem Blog schon einmal gestellt. Gefunden werden sie vor allem in Studien von Verbänden und Initiativen, die aus guten und schlechten Gründen mehr Engagement von Vätern und für Väter fordern. Und auch das „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ (sic!) veröffentlicht allenthalben Zahlen und Fakten zur Teilhabe „Neuer Väter“. Zum Beispiel im Väterreport 2016.

Ein beliebter Indikator für Väter, die durch vermeintlich neue Haltungen, Bedürfnisse und Anstrengungen auffallen ist die Nutzung des Elterngeldes. Sie steigt kontinuierlich seit der Einführung an: Von ca. 20% (2008) auf 35,7% im zweiten Quartal 2015. Allerdings nutzen die meisten nur die beiden „Vätermonate“. Frauen hingegen nutzen das Elterngeld zu etwa 96% und meist ganze 12 Monate lang.

Anderweitige Definitionen sind vage, weich und lassen keine objektiven Kategorien erkennen. So sind dann auch die Interpretationen sehr unterschiedlich und werden im Vergleich inkonsistent. Von denen, die behaupten, dass es sich nur um einen Mythos handelt bis zu denen, die gar nicht mehr davon wegkommen das neue Rollenmodell zu glorifizieren.

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Schwachpunkt all dieser Betrachtungen ist die eindimensionale Perspektive. Unterschiede der gelebten Vaterschaft werden vereinfacht. Kulturelle und soziale Dimensionen im Sinne einer intersektionalen Perspektive werden ausgelassen. Väter mit wenig sozialem, wirtschaftlichem oder kulturellem Kapital sind eine verwaiste Gruppe der medialen Öffentlichkeit. Die Bilder in Ratgebern, Werbung oder Nachrichten strotzen vor glücklichen und erfolgreichen Daddys. Natürlich sind Väter in Berlin-Prenzlauerberg oder -Mitte repräsentativer für das Role-model „Neuer Vater“, aber auch hier sind Muster der Re-Traditionalisierung zu finden1. In Spandau oder Marzahn-Hellersdorf sind andere Sozialstrukturen zu finden: Alleinerziehende sind hier überproportional zu finden; die Arbeitslosenquote ist erhöht, Minderjährige werden öfter Eltern als der Durchschnitt. Auch der Unterschied der Nutzung zwischen Vätern, die auf dem Land leben und solchen in der Stadt bleibt unberücksichtigt.

Bei dem ganzen Bohei wird die Frage nach sozialstrukturellen Unterschieden und Hintergründen vernachlässigt. Doch nur durch diese Frage, können neue Erkenntnisse über Vaterschaft gewonnen werden. Väter bringen, wie alle Menschen, unterschiedlichste Kompetenzen mit. Das dann unter den Begriff der „Neuen Väter“ zu fassen und dann abzufeiern (oder im Zweifel mit dem Finger auf die zu zeigen, die nicht dem vorherrschenden Bild entsprechen) greift zu kurz und führt im Zweifel zu neuen Ausschlussmomenten.

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Von dem vorherrschenden Bild angesprochen können sich bisher gebildete und gutverdienende Väter fühlen. Politisch verlängert sich das mit dem Elterngeld: ca. Zweidrittel von 1200€ bedeutet für die Eltern etwas anderes als ein maximal auszahlbares Elterngeld von 1800€ pro Elternteil. Sehr gut wird das in einem aktuellen Spiegel-Online Artikel deutlich: Strukturellen Nutzen des Elterngeldes haben Gutverdienende, mit einem Einkommen über 1500€ Netto. Diese machen 75% der Nutzer des Elterngeldes aus. Für Geringverdienende ist die finanzielle Belastung, nur noch auf Zweidrittel des eigenen Einkommens zugreifen zu können, zu hoch: Der Anteil derer, die das Elterngeld nutzen, ist in dieser Gruppe signifikant geringer. Und Bezieher von ALGII müssen sowieso ihre Elterngeld-Bezüge auf ihre anderen Transferleistungen anrechnen lassen und haben so keinerlei Begünstigung.

 

Die medial-öffentlichen Betrachtungen sowie die politischen Instrumente sollten die Diversität dieser Gesellschaft in ihre Perspektive einbeziehen. Das sollte mittlerweile Basis öffentlicher Handlungen sein. Es ist alles andere als ein Fortschritt eine gutsituierte Gruppe weiter zu begünstigen und damit gesellschaftliche Schieflagen weiter zu fördern. Entsprechende Änderungen Familien- und Sozialpolitik, die darauf zielen ein Mehr an Ausgleich und Gerechtigkeit zu schaffen sind sicherlich nicht zu viel verlangt!
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1 Väter arbeiten nach der Geburt des ersten Kindes mehr, als vor der Geburt. Frauen hingegen gehen statistisch viel häufiger in Teilzeit nach der Geburt.

Lesung und Gespräch: „Boys don’t cry“ von Jack Urwin

Am Mittwoch, den 1. März, findet um 19.30 in und bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin die Lesung zum Buch „Boys don’t cry“ von Jack Urwin statt. Neben der Lesung wird es ein Autorengespräch geben, das von Katrin Gottschalk moderiert wird.

Aus dem Ankündigungstext:

„Jack Urwin über Männlichkeit, den Preis, den man(n) dafür zahlt und aussichtreiche Alternativen

Unter anderem ausgelöst vom frühen Tod seines Vaters hat Jack Urwin 2014 den weltweit viel beachteten Essay «A Stiff Upper Lip Is Killing British Men» im VICE-Magazine veröffentlicht, dessen Themen er hier fortführt. Von der Mob-Mentalität, wie sie bei Fußballspielen und in Fight Club zur Schau gestellt wird, bis zu unseren Großvätern, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, ohne je gelernt zu haben, über ihre Gefühle zu sprechen, untersucht Urwin, wie der Mythos der Maskulinität entstanden ist und warum er toxisch, ja tödlich ist. Warum tun wir uns trotzdem so schwer damit, diese fragwürdigen Ideale hinter uns zu lassen? Teils Essay, teils persönliches Manifest, ist Boys don’t cry eine witzige und scharfe Auseinandersetzung mit toxischer Maskulinität und ihren Folgen – und ein Plädoyer für einen anderen Umgang miteinander.

«Hier ist es endlich, das brillante, persönliche, nicht-einmal-sexistische Buch des Jahrtausends über Männlichkeit und Politik, auf das die Welt gewartet hat.» Laurie Penny

[…]

Jack Urwin wurde 1992 in Loughborough (UK) geboren und studierte Journalismus in London. Er arbeitete als Promoter für verschiedene große und Indie-Musik-Labels. Er schreibt für diverse Zeitschriften, u. a. McSweeney’s und VICE, über Politik, psychische Gesundheit und Genderthemen. Urwin lebt derzeit in Toronto, Kanada.

Die Veranstaltung wird auf Englisch stattfinden – mit Ausnahme der Lesung aus der deutschen Ausgabe. Fragen können aber auch auf Deutsch gestellt werden und werden dann übersetzt.

Eine Kooperation von Edition Nautilus, taz.die tageszeitung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.“

Maskulisten, Maskulinisten und Männerrechtler – Wer ist das und warum überhaupt?

Spätestens seit der Wahl 2016 und der Inauguration von Trump im Januar 2017 haben Männerrechtler neuerlichen Aufschwung bekommen. Im Fahrwasser von AfD und einem gesellschaftspolitischen Schwenk nach rechts, konnten sich Akteure, Aussagen und Positionen festigen, die extrem laut von Ungerechtigkeit reden, die Männer jeden Tag und strukturell erfahren müssten. Gleichberechtigung gehe zu weit. Frauen könnten doch längst alles machen und würden sogar in vielen Bereichen bevorteilt. Männer sterben früher, Männer und Jungen begehen häufiger Suizid, Jungen brechen häufiger die Schule ab und machen seltener Abitur … und nebenbei betrage das Gender-Pay-Gap gar keine 21 % sondern irgendwas zwischen 2 % und 6 %, wenn man (sic!) doch nur mal richtig rechnen würde. So oder so ähnlich lautet die argumentative Dauerrotation.

Mit diesem Artikel möchte ich beginnen mich dem sehr breiten Thema „Männerechtler“ anzunähern. Dazu sollen in unregelmäßiger Folge Themen, Akteure, Positionen und Hintergründe vorgestellt werden. Auf welchen Plattformen kommunizieren sie? Wie treten sie nach außen auf? Und welche Rolle spielt das Internet für sie? Welche Themen werden besprochen und wird an vorhandene Dirskurse angeknüpft?

Im Folgenden soll zunächst umrissen werden, woher die Bezeichnungen „Maskulisten“, „Maskulinisten“ oder „Männerrechtler“ kommen und welche historischen Hintergründe es für sie gibt. Welche gesellschaftlichen Konstellationen ließen diese Gruppen entstehen und woher kamen sie?

Das Phänomen „Maskulismus“ tauchte zu Beginn des 20. Jahrhundert zunächst in den USA auf. Grund war der aufkommende Feminismus und dessen erste Erfolge. Das Phänomen „Männerrechtler“ ist demnach auch eine Reaktion auf den Feminismus.

Eine weitere Rolle für das Erstarken männerrechtlicher Themen spielt die Erosion der traditionellen Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts im globalen Norden. Dass Frauen zuhause blieben und sich um die Familien- und Haushaltsarbeit kümmern wurde zunehmend infrage gestellt und weniger selbstverständlich. Durch global veränderte wirtschaftliche Strukturen (stärker werdender Dienstleistungssektor vs. abnehmende wirtschaftliche Bedeutung der Industrie) war es notwendig, dass Frauen ebenfalls ein Erwerbseinkommen erzielten oder es entsprach der gesellschaftlichen Norm, dass Frauen arbeiten gingen. Das hatte Machteinbußen der Männer innerhalb der Familie zur Folge und führte dazu, dass das hegemoniale Bild von Männlichkeit für Männer immer weniger umsetzbar war.

Die (feministische) Männerbewegung war eine Folge der 68er. Im Verlauf interner Auseinandersetzungen und Spaltungen zwischen autonomen und bürgerlichen Akteuren der Männerbewegung und im Zusammenspiel mit väterrechtsbewegten Akteuren entstanden auch in Deutschland (antifeministische) Männerrechtler Position zu beziehen. Mit der Etablierung des Internets und einer damit vereinfachten Vernetzung, sind maskulistische Postionen und Akteure vermehrt wahrnehmbar. Seitdem sind sie auch im öffentlichen Diskurs punktuell anzutreffen und erhalten in den Themenbereichen Familie, Arbeit und Gleichstellung öffentliches Gehör. Ihnen wird so teilweise auch Expertenwissen zugewiesen, welches ihr öffentliches Standing und ihre Diskursmacht legitimiert und bekräftigt.

Das ist besonders gefährlich, da Überschneidungen zu rechten und neofaschistischen Inhalten vorhanden sind. Das hat u.a. die Analyse von Andreas Kemper im Buch „(r)echte Kerle“ gezeigt. Demnach ist die Überschneidung zu homophoben, rassistischen und nationalsozialistischen bei einigen Akteuren frapierend. Das harmlose öffentliche Auftreten ist dabei die Kehrseite der Medaile, die sich im Internet durch Hass bemerkbar macht. Das monothematische Auftreten lässt die Akteure gemäßigt erscheinen. Inwieweit das dem Phänomen des „bürgerlichen Mimikrys“ entspricht, ist noch zu beantworten.

Die Unterscheidung zwischen Maskulisten, Maskulinisten und Männerrechtlern ist ziemlich diffus. Grob lässt sich sagen, dass die bevorzugte Eigenbezeichnung Maskulisten ist. Diese kommt aber im öffentlichen Diskurs allerdings noch ungewohnt daher. Hier wird eher der Begriff der Maskulinisten verwandt. Andreas Kemper nähert sich in seinem oben erwähnten Buch einer Defintion an: „definieren wir Maskulinismus als die ideologische Legitimation hegemonialer Männlichkeit, den Maskulismus als [sic!] hingegen als die Ideologie der Männerrechtsbewegung, so ist der Maskulismus nur eine aktuelle Erscheinungsweise des Maskulinismus.“ (Kemper 2011: 64)

Seit den 80ern ist auch in Deutschland innerhalb der Wissenschaft eine Zunahme der Beschäftigung mit Männlichkeit und dessen Ausformungen wahrzunehmen. Bereits durch den Feminismus erkämpfte Themenfelder, wie etwa das Thema weiblicher Lebensentwürfe und die Stellung der Frau in der Familie und Gesellschaft, werden bereits seit Jahrzehnten behandelt – nicht ohne Rechtfertigungsdruck und ständigen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Die Unterbelichtung von Männlichkeit führte zu einer Steigerung der Publikationen zu dem Thema und ist der Erkenntnis geschuldet, dass Männlichkeit, Weiblichkeit und andere Formen von Geschlecht nicht einfach nebeneinander bestehen, sondern in wechselseitiger Struktur und Abhängigkeit funktionieren, wobei Männlichkeit eine machtvollere Position zugeschrieben wird. Was auf den ersten Blick wie ein Erfolg der Männerrechtler aussehen könnte, ist es nicht. Der feministische Blickwinkel in der Wissenschaft hat seinen Radius erweitert und der Einbezug von Männern* und Männlichkeiten als Erkenntnisgegenstände der Forschung hat sich zunehmend etabliert.

Mit den aktuellen Diskussionen um Elterngeld und Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhalten Männer bzw. Väter und deren Lebenswelten und Bedürfnisse mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Damit öffnet sich ein Feld, welches sowohl von progressiver wie auch von regressiver, maskulistischer Seite versucht wird inhaltlich zu besetzen. Dabei sind die Übergänge häufig nicht strikt trennbar und Forderungen der einen Seite könnten auch von der anderen Seite kommen. Allerdings sollte genau hingeschaut werden. Gerade von antifeministischer Seite werden Essentialismus für die eigenen Anliegen benutzt, die Frauen und Männer bestimmte Eigenschaften zuschreiben und damit unzulässig verallgemeinern. Und was gänzlich in diesen öffentlichen Diskussionen fehlt sind Menschen, die nicht-heterosexuell sind und sich auch nicht als Mann oder Frau einordnen lassen wollen. Diese werden einfach ausgeklammert. Wir befinden uns öffentlich gerade erst am Anfang einer sehr wichtigen und großen Diskussion.

 

Literatur:

  • Kemper, Andreas. (R)echte Kerle: zur Kumpanei der MännerRECHTSbewegung. 1. Auflage. Unrast transparent. Rechter Rand, Band 4. Münster: Unrast, 2011.