Wie Männlichkeit Männern schadet

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Immer diese Paradoxa und Schwierigkeiten mit dieser realen Realität, in die einfache Freund*in-Feind*in-Schemata nicht passen mögen. Die eigene Kränkung, das eigene Leid, kann so nur durch herbei stilisierte Feinde/Andere konstruiert und erklärt werden. Denn: das Eigene, das bin ja ich und ich stehe immer auf der guten Seite!

So oder so ähnlich funktioniert die Logik vieler „entrechteter Väter“, Maskulisten und Männerrechtler. Das beleuchtete vor wenigen Tagen Franziska Schutzbach in einem Interview des Ficko-Magazins. Wie sie selbst darin betont, ist das, was sie sagt, nicht neu. Es muss jedoch – und das zeigt der Alltag deutlich – immer wieder vorgekaut, ausgesprochen und darauf insistiert werden!

Auch wenn Männer tatsächlich Leiden erleben (können) und individuell Verlierer gesellschaftlicher Zustände sein können, berührt diese Tatsache nicht die strukturelle Ebene patriarchaler Gesellschaften. An den Stellen, an denen von einer „Feminisierung der Gesellschaft“ oder den (sic!) Müttern die Rede ist, die den Vätern die Kinder wegnehmen und damit das (sic!) Kindeswohl gefährden oder den (sic!) Familiengerichten, die andauernd Vätern das Leben zur Hölle auf Erden machen geredet wird, werden Feindbildkonstruktionen gesucht und gefunden, die die einfache Gegensätzlichkeit (vereinfacht für Dichotomie) von Frau* und Mann* aufmachen. Diese einfache Logik entlastet zunächst. Mit der Gewissheit, dass Andere Schuld sind, lässt es sich einfacher leben.

Sie verkennt jedoch herrschende Verhältnisse der Gesellschaft. Ja, wir leben noch immer in einer Gesellschaft, in der Männer strukturell bevorzugt werden. Patriarchat ist da der passende Begriff. Auch wenn im historischen Vergleich Rechte und sozial-kulturelle Fortschritte stattgefunden haben, so sind Frauen heute immer noch benachteiligt. Das ist die strukturelle Ebene, die die wichtige und entscheidende für uns alle ist. Diese wird jedoch in einigen Kreisen in Abrede gestellt. …denn schließlich könnten ja Frauen heute eben genau das machen, was Männer auch könnten: alles. Auf der rechtlichen Oberfläche mag das auf den ersten Blick stimmen. Spätestens beim zweiten Blick tauchen allerdings schon die ersten Risse auf. Allerdings ist die rechtliche Ebene nur eine Facette gesellschaftlicher Realität. Der Alltag, und damit ein Teil des Erfahrungshorizonts der sozio-kulturellen Ebene, dagegen lässt immer noch anderes erscheinen.

Grundlegend ist dabei für die Gesellschaft das männliche Ideal, wonach alle zu streben versucht sind: sowohl auf individueller, als auch auf kollektiver Ebene sind männlich konnotierte Eigenschaften die gewinnbringenden Eigenschaften. Das baut einen enormen Druck für alle Beteiligte auf. Auch für Männer, die permanent darum bemüht sind diesem männlichen ideal hinterher zu hecheln. Denn schließlich können die wenigsten von sich behaupten, vollkommen zu sein und das männliche Ideal komplett auszufüllen.

Dieses Ideal ist so prägend für uns alle, dass es kaum wahrgenommen wird. Es ist universell: ob im Job, in der Freizeit, während der Zeit mit der Familie oder mit Freund*innen. Das Andere sind weibliche Eigenschaften. Sie sind sichtbar, weil partikular, wie es Franziska Schutzbach nennt. Nun stehen Männer vor dem Problem, dass sie als Männer und damit Stellvertreter eines Ideals, welches sie nicht erkennen (können oder wollen?) das sichtbare Andere angreifen: Frauen, Feminismus, usw. Dabei verkennen sie die Gründe für eigene Probleme, wie etwa frühere Sterblichkeit, erhöhtes Streßlevel, weniger Zeit mit den eigenen Kindern, usw. Sie sind Resultate dieses männlichen Ideals, welches seit oder gar schon vor der Geburt ansozialisiert und peu a peu internalisiert wird. Dafür ist keine*r direkt angreifbar oder verantwortlich, da es sich um gesellschaftliche Strukturen handelt, die kaum durch individuelles handeln zurückführbar oder sogar veränderbar, sondern auf größere Veränderungsdynamiken angewiesen sind. Und das macht die Schwierigkeit aus mit der eigenen Verletzlichkeit umzugehen.

Eine konstruktive, notwendige und gute Auseinandersetzung damit, hätte zur Folge sich mit dem eigenen Selbst und der eigenen Position in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wer bin ich? Warum handele ich so, wie ich es tue? Warum fühle und denke ich so, wie ich es tue? Woher kommt der Druck, den ich mir selbst mache? Welchen sozialen Gruppen gehöre ich an? Welche Nach- und Vorteile entspringen mir daraus? Sich diesen Fragen zu stellen, wäre ein guter Beginn.

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